EVERY DAY CAIMI 231:“LASSEN SIE DIE KINDER IN RUHE!“

In einer Woche präsentiert der österreichische Bildungsminister das „Konzept“ für Österreichs Schul-Herbst. Per offenem Brief appelliert der Historiker Stephan Sander-Faes an den „Verstand“ des Ministers und sich gegen wissenschaftsfeindliche Politik zu stemmen. Er argumentiert anhand von drei Ebenen, warum es nur eine Option für den Schul-Herbst gebe: Die Kinder in Ruhe lassen!

Der österreichische Historiker Stephan Sander-Faes lebt seit Mai 2020 in Norwegen.  Nun richtet er per offenem Brief einen eindringlichen Appel an die österreichische Bundesregierung.

Der Brief ging heute an mehrere Stellen innerhalb der Bundesregierung und ihrer Kabinette. Er landete insgesamt in über 50 E-Mail-Postfächer. Zudem schickte der Historiker den Brief an mehrere österreichische Medien. 

Bergen, 22. August 2022

Sehr geehrter Herr Bundesminister, sehr geehrte Angehörige der Bundesregierung!

Bezug nehmend auf die Ankündigung mit dem Titel „Sichere Schule“ wende ich mich als (Fach-)Kollege derselben Alma Mater und Familienvater gleichsam aus der Ferne an Sie, die Bundesregierung und an alle anderen Eltern und Menschen mit Erziehungsberechtigung und Verantwortung für Kinder und Jugendliche. In der erwähnten Aussendung kündigen Sie an, „am Montag, 29. August 2022, alle Details zu den ab Schulbeginn geltenden Maßnahmen [zu] verlautbaren“.

Angesichts der sich nun wieder verstärkenden Wucht, mit der die bis anhin nicht gerade mit Erfolg gesegneten Kampagnen seit Ausbruch der Pandemie erneut Fahrt aufnehmen, wende ich mich mit folgendem eindringlichen Appell an Sie:

Lassen Sie die Kinder in Ruhe!

Wie aber komme ich zu diesem Appell, mögen Sie nun – zu Recht – fragen.

Als Antwort möchte ich meine Erfahrungen in Norwegen seit Sommer 2020 anführen. Dieses Schreiben beinhaltet die folgenden Abschnitte: 1) meine Erfahrungen in Norwegen, die Ihnen zur Verortung der Tragweite Ihrer Entscheidungen dienen mögen; 2) Verweise auf ausgewählte Veröffentlichungen der norwegischen Regierung bzw. Gesundheitsbehörden; sowie 3) Hinweise zu der Lage in Österreich, die Ihnen angesichts der vielfachen Maßnahmen der letzten beiden Schuljahre, die vor allem die Kinder und Jugendlichen betroffen haben, als Richtschnur dienen mag.

1) Erfahrungen aus Norwegen (Sommer 2020 bis heute)

Ich erlaube mir, an dieser Stelle einige Erfahrungen aus dem norwegischen Schul- und Universitätsleben in der Provinz Vestland seit Sommer 2020 mit Ihnen zu teilen: Hier gab es im Bereich Kindergärten und Pflichtschulen seit dem Schuljahr 2020/21 so gut wie keine Maßnahmen: keine Massentests, keine Maskenpflicht – und zwar weder für Kindergartenkinder sowie Schülerinnen und Schüler noch für das Lehrpersonal.

Seit unsere ältere Tochter im Sommer 2020 hier eingeschult wurde, gab es einen (!) Massentest hier in Vestland, der nach den Weihnachtsferien im Jänner 2022durchgeführt wurde: rund 110.000 Schülerinnen und Schüler wurden gebeten, vor Schulstart einen Antigen-Schnelltest zu Hause zu absolvieren. Das Ergebnis sprach für sich: 19 positiven Tests standen Kosten von rund 7,5 Millionen Kronen (etwa 750.000 €) gegenüber, was etwa in der Zeitung Bergens Tidende am 13. Jänner 2022 mit dem Verweis kommentiert wurde, dass diese Gelder besser eingesetzt werden könnten, etwa für die Verpflegung der Schülerinnen und Schüler.

Im Kindergarten unserer jüngeren Tochter gab es eine Woche (rund um Ostern 2021) reduzierte Öffnungszeiten, allerdings im vorbeugenden Sinne. Alle seit Frühjahr 2021 aufgetretenen „Probleme“ wie etwa entfallene Ausflüge, reduzierte Angebote oder „flexible“ Öffnungszeiten rührten von Personalengpässen, da so viel Betreuungspersonal gleichzeitig ausfiel. Mir ist kein einziger Fall bekannt, in dem sich Betreuungspersonal nachweislich bei Kindern bzw. über jeden Zweifel erhaben am Arbeitsplatz infiziert hat. Dieselbe Situation war in den Pflichtschulen im Winter und Frühling 2022 ebenso der Fall.

Bei uns an der Universität Bergen haben wir im Herbstsemester 2020 drei oder vier Mal zwischen Präsenz-, Hybrid- und Onlinelehre gewechselt. Interessiert hat das kaum jemanden, wiewohl nun nach dem Ende der Maßnahmen manche der Studierenden – wie der Kolleg(innen) – gerne weiter von zu Hause aus arbeiten wollen.

Mitte August 2022 hat das akademische Jahr wieder begonnen: niemand trägt Masken, es gab zu keinem Zeitpunkt Kontrollen von Aus- und Impfnachweisen, und überhaupt spielt das Thema „Maßnahmen“ keine Rolle. Was jedoch nachweislich eine Rolle spielte – wie auch der öffentliche Rundfunk NRK pünktlich zum Schul- und Semesterbeginn kürzlich (16. Aug. 2022) berichtete, gaben ganze 41% der Studierenden an, unter den Folgen der Maßnahmen – allen voran Mangel an sozialem Austausch – zu leiden.

Und dies in einem Land, in dem alle Maßnahmen im Februar 2022 aufgehoben worden sind.

2) Ausgewählte Veröffentlichungen der norwegischen Regierung, Gesundheitsbehörden

Dessen eingedenk erkennen sowohl die norwegische Regierung als auch die hiesigen Gesundheitsbehörden an, dass das Testen asymptomatischer Personen – jeden Alters – sowie die einschlägigen Maßnahmen „gegen Covid“ keinen Sinn ergeben.

Ein Bericht des Folkehelseinstituttets vom 9. Feb. 2022 hält fest, dass „jegliche Maßnahmen die Infektionswelle verlängern, aber kaum bis gar nichts zur Reduktion des Infektionsdrucks beizutragen vermögen“.(1) Der Verzicht der norwegischen Regierung auf jegliche Maßnahmen ist evidenzbasiert und beruht auf ihrer Einschätzung, dass Maßnahmen „die Kinder und Jugendlichen hart betreffen. Den Behörden ist es nicht ausreichend gelungen, Kinder und Jugendliche im Sinne der ausgegebenen Ziele zu schützen“, wie der Bericht der Korona-Kommission, der im April 2022 vorgelegt wurde, festhält.

Die Tatsache, dass gerade Kinder und Jugendliche kaum, wenn überhaupt, von Sars-Cov-2 bzw. Covid-19 betroffen sind, ist in Norwegen seit Mitte Jänner 2022 auch vonseiten offizieller Stellen bestätigt und liegt u.a. auch als Evidenz der Entscheidung zugrunde, alle Maßnahmen im Februar 2022 abzuschaffen.

Das aktuelle Infektionsgeschehen diesen Sommer (BA.5-Variante, Juni/Juli 2022) verläuft übrigens gemäß offiziellen Angaben des Folkehelseinstituttets „unabhängig vom Impfstatus“, wenngleich rund zehnmal so viele „Geimpfte“ wie „Ungeimpfte an Covid-19 als Hauptursache erkrankt“ in den Krankenhäusern gelandet sind.

Hierzu sei angemerkt, dass der Anteil der „Geboosterten“ in Norwegen nach offiziellen Angaben bei rund 54% liegt – was wiederum bedeutet, dass gerade diejenigen mit dritter Impfung überproportional von der Sommerwelle betroffen sind.

3) Hinweise zur Lage in Österreich

Ungeachtet der Coronapolitik vieler Länder der sogenannten „ersten“ Welt sind Impfverpflichtungen und „Grüner Pass“ hier nie eingeführt worden, was sowohl praktischen als auch rechtlichen Bedenken geschuldet war: ein (elektronischer) Impfnachweis gilt nur in Kombination mit einem Lichtbildausweis, und diese Kontrollen dürfen lediglich durch Mitarbeiter von Gesundheitsbehörden bzw. Exekutivbeamte erfolgen.

Ein „Auslagern“ dieser hoheitsrechtlichen Aufgaben ist hier nie ernsthaft in Betracht gezogen worden, während es in Österreich weithin zur Praxis und dadurch normalisiert wurde, von den sozialen Abgründen des Mobbings und der Stigmatisierung durch das Tragen von Masken, dem Druck, der auf „Ungeimpfte“ oder „zu wenig Geimpfte“ ausgeübt wird – und zwar von Politiker(innen), Journalist(innen) und Lehrer(innen) – ganz zu schweigen.

Abgesehen von den damit verbundenen rechtsstaatlichen Grundsätzen und den damit verbundenen Fragen des Datenschutzes und der Gewährleistung der Privatsphäre sei an dieser Stelle auch noch auf das geltende Arbeitsrechthingewiesen: spätestens nach 75 Minuten muss eine mindestens 30 Minuten lange Pause ohne Maske gewährt werden. Wie stellen Sie sich vor, dass dies überhaupt mit einem „normalen“ Schulbetrieb einhergehen kann?

Davon abgesehen möchte ich die in nahezu jedem anderen Fall immerzu hochgehaltenen Kinderrechte ansprechen, die durch den Nationalrat am 20. Jänner 2011 in das Bundesverfassungsgesetz aufgenommen wurden und deren entsprechende Änderungen seit dem 16. Februar 2011 in Kraft sind.

Dort heißt es in Art. 1 (meine Hervorhebung):

Jedes Kind hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge, die für sein Wohlergehen notwendig sind, auf bestmögliche Entwicklung und Entfaltung sowie auf die Wahrung seiner Interessen auch unter dem Gesichtspunkt der Generationengerechtigkeit. Bei allen Kinder betreffenden Maßnahmen öffentlicher und privater Einrichtungen muss das Wohl des Kindes eine vorrangige Erwägung sein.

Von diesen verfassungsrechtlichen Fakten abgesehen erlaube ich mir an dieser Stelle noch einen weiteren, historischen Hinweis: bis zum Frühjahr 2020 war es in keinem bekannten Zusammenhang der Menschheitsgeschichte so, dass Kinder und Jugendliche in die Verantwortung genommen wurden, die Erwachsenen zu beschützen.

Seit Frühjahr 2020 aber missbrauchen Erwachsene – insbesondere die Bundesregierung in der personell so wechselvollen Zusammensetzung – die Sorge um die öffentliche Gesundheit, um den Kindern und Jugendlichen diese Verantwortung zuzuschieben.

Dies ist rechtlich problematisch, historisch einzigartig und moralisch eine Ungeheuerlichkeit.

Betrachtet man im gegenständlichen Zusammenhang die einschlägigen Informationen der offiziellen Stellen, etwa den Abschnitt „Psychosoziale Gesundheit in der Schule“ (via gesundheit.gv.at/), so wird alleine schon die Debatte über Maßnahmen zum Schulstart zu einer traurigen Farce – wie so oft zulasten unserer Kinder und Jugendlichen.

Die Liste der Gründe, warum Sie dieses Schreiben erhalten, ließe sich problemlos erweitern, doch möchte ich diese mit dem folgenden Appell an Sie beschließen: Als Wissenschaftler bin ich erstaunt ob der von Ihnen – im Sommer 2022 – offenbar mitgetragenen Bereitschaft, bar jeglicher Evidenz erneut Maßnahmen im Kinder- und Jugendbereich mitzutragen.

Als Lehrperson und Arbeitnehmer bin ich bestürzt, dass bisher kaum über die damit verbundenen arbeits- und kinderrechtlichen Aspekte gesprochen wurde. Jede(r) Bürger(in) – und dies betrifft insbesondere unsere Kinder, für die wir Erwachsene und Sie als Angehörige der Bundesregierung gesteigerte Verantwortung tragen – muss auf die Einhaltung des geltenden Rechts ohne jede Ausnahme bestehen.

Letztlich wende ich mich an Sie als Familienvater: stoppen Sie diesen Maßnahmenwahn. Jeder Indikator, der zur Verfügung steht, zeigt, dass der norwegische Weg – kaum Maßnahmen in den Kindergärten und Pflichtschulen von Sommer 2020 bis Ende Jänner 2022 sowie deren ersatzloses Streichen im Februar dieses Jahres – der bessere ist: hier trägt kein Kind oder Jugendliche(r) eine „Maske“ (weder Mund-Nasen-Schutz noch FFP2-Maske), die im Übrigen auch keinen Effekt auf die Übertragung von Sars-Cov-2 haben.

Ich appelliere daher an Sie und alle anderen Mitglieder der Bundesregierung mit allem Nachdruck:

Haben Sie den Mut, sich Ihres eigenen Verstandes zu bedienen und stemmen Sie sich gegen derartige wissenschaftlich nicht fundierte, historisch einzigartige und ausgesprochen schädliche Maßnahmen, die wie so oft in den letzten zweieinhalb Jahren vor allem zulasten der Kinder und Jugendlichen gingen.

Ihre und alle anderen Kinder Österreichs sowie, dessen bin ich mir sicher, auch viele Eltern des Landes werden es Ihnen gewiss hoch anrechnen. Sie wären keineswegs der einzige Mensch mit Regierungsverantwortung, der diesen Schritt setzt, wie das erwähnte norwegische Beispiel nachweislich belegt.

In Abwandlung des bekannten Schiller-Wortes aus „Don Carlos“ möchte ich schließen:

Geben Sie Gedankenfreiheit!

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Sollten Sie weitere Informationen aus Norwegen wünschen, um Ihnen bei dieser politisch gewiss schwierigen Entscheidung beizustehen, so stehe ich Ihnen gerne jederzeit und ohne jegliche Vorbehalte zur Verfügung.

Mit besten Grüßen,

Stephan Sander-Faes

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